Null Orientierung

Orientierungssinn im Hippocampus

Auf die leicht panische Steckdosensuche und der verspäteten Ankunft im Restaurant folgt die absolut plausible Erklärung: Das Handy war leer. Klar, dass man da den Weg nicht findet. Google Maps funktioniert ja nunmal nicht ohne Strom. Also noch einmal, sorry für die Verspätung. Hätte auch noch deutlich schlimmer kommen können. Im kalifornischen Nationalpark Death Valley kennen Ranger mittlerweile den häufigen Unfalltod "Death by GPS", wenn sich Reisende naiverweise auf ihr Navi verlassen. In der Großstadt, ohne Trockenlandschaft und Temperatur-Extremen, tritt er hoffentlich nicht ein.

 

Räumliches Vorstellungsvermögen ist eine Begabung. Und gleichzeitig Übungssache, sagen Forscher. Das erklärt, warum Taxifahrer mehr graue Substanz im Hippocampus haben. Diese Hirnregion ist für unsere Gedächtnisleistung und das räumliche Lernen zuständig. Wenn wir aber eines nicht trainieren mit Google Maps, dann ist es unser Orientierungssinn. Läuft der digitale Guide, hat der menschliche Kompass Sendepause. Wir merken uns den Weg maximal mithilfe der Objekte, an denen wir vorbeikommen und kombinieren diese Infos mit Abbiegehinweisen. Nach dem McDonald gleich rechts. Dann zwei Straßen nach der Kirche wieder links. Wenn auf einmal eine unvorhergesehene Baustelle unseren Weg kreuzt, entsteht nichts im Kopf außer Ratlosigkeit. Eine Route rekonstruieren? Fehlanzeige.

 

Unsere Orientierung besteht aus Landkarten in unserem Gehirn. Sie sind keine exakten Abbildungen unserer Umwelt und basieren auf Erinnerungen und den Eindrücken aus unserer Umgebung. Für die Orte, an denen wir uns häufig aufhalten, sind die Karten umso detaillierter. Zum Beispiel für unser Stadtviertel. Verlaufen wir uns hier, finden wir leicht eine andere Route. Männer zumindest. Denn laut Studien haben Frauen tatsächlich einen schlechtereren Orientierungssinn. Das ist wohl leider keine Ente. Frauen merken sich eher optische Hinweise und säumen ihre Wegbeschreibungen mit Gebäuden und Objeten. Männer dagegen speichern zusätzlich auch räumliche Zusammenhänge ab. Himmelsrichtungen. Entfernungen.

 

Forscher aus den USA haben festgestellt, dass in unserer Vorstellung Norden  "oben" und Süden "unten" liegt - genau wie auf einer Landkarte. Menschen schätzen deshalb eine Reise bei gleicher Distanz in den Norden länger als in den Süden. Klar, müsste ja dementsprechend bergauf gehen. Apropos Norden. Die alten Inuits konnten sich in ihrer schnell verändernden Schneeheimat ohne Navi oder Kompass orientieren, indem sie auf Schneeverwehungen, Sterne und dem Verhalten der Tiere achteten. Zugegeben, gute Skills. Und natürlich können wir jetzt einfach akzeptieren, dass unser Orientierungssinn noch nie mit dem der alten Inuits mithalten konnte. Oder wir trainieren unser neuronales Talent zumindest ab und zu. Rückwege ab jetzt ohne Google Maps. Mal gucken, wer gewinnt.

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