Das chinesische Rating

Chinas Scoring-Programm seiner Bürger

Es scheint etwas zu geben, das Chinesen besonders mögen. Und zwar Belohnungen. Außerdem gibt es etwas, vor dem sie wenig zurückschrecken. Nämlich staatlicher Kontrolle. In zwei Jahren möchte die chinesische Regierung ein soziales Scoring-Programm einführen, um das Verhalten jedes einzelnen Bürgers zu bewerten und einen Punktwert zu errechnen. Verpflichtend, versteht sich. Daten von Banken, Social Media-Netzwerken oder von E-Commerce-Shops - fließen alle in die Bewertung ein. Und da in den Großstädten bald flächendeckend Gesichtserkennungstechnik mit Videokameras eingeführt werden soll, kann auch das Tun und Lassen außerhalb der eigenen vier digitalen Wände in die Bewertung einfließen.

 

Müll auf die Straße geworfen? Zack, Punktabzug. Handyrechnung nicht bezahlt? Punktabzug. Regimekritischer Post veröffentlicht? Der Scoringwert ist im Sinkflug. Bürgererziehung im digitalen Zeitalter. Auch Arbeitgeber, Vermieter, Einkaufsplattformen, Reiseveranstalter und Fluggesellschaften sollen Zugriff auf diesen Wert erhalten. Wer sich vorbildlich verhält, hat dementsprechend viele Vorteile. Mietwagen ohne Kaution, Schnellverfahren bei bestimmten Behördengängen und ab einer bestimmten Punktzahl winkt eine Einreise in den Schengen-Raum.

 

Konformität geht mit scheinbarer Freiheit einher. Wehe aber, wenn nicht. Klingt sehr nach einer Neuauflage von Orwell´s 1984 Phantasma. Und die Bürger - mögen spielen. Denn ja, es locken Belohnungen. Mögliche Strafen und die Repression durch den Staat - Schmarn. Die Winston Smiths des Landes wirken, oder wirken eben überhaupt nicht, im Verborgenen.

 

Gespeicherte Daten sind auch in Deutschland nicht neu. Die Kundenkarte in der Drogerie sammelt genauso Informationen wie das Fitbit von der Krankenkasse. Doch das Datentracking geht schon jetzt in China deutlich weiter - ohne das es in staatlicher Hand wäre. Alibaba, Chinas "Amazon", hat vor Jahren das Bewertungsysstem Sesame Credit entwickelt, um Kunden für erwünschtes Verhalten zu belohnen. Zum Beispiel, und das klingt auch für uns bekannt, für die Nutzung der firmeneigenen Bezahl-App. Dank Sesame Credit haben aber auch Online-Dater mit einer wenig vorzeigbaren Sixpack-Statur einen größeren Wettbewerbsvorteil. Denn das Bewertungssystem ist mit einer der größten Online-Datingportale verknüpft. User können so in ihrem Profil veröffentlichen, wieviele Punkte sie "wert" sind. Die Katze im Sack kauft man definitiv nicht mehr, wenn man in China auf ein Blind-Date geht.

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