Im Frühlingsrausch

Frühlingsgefühle in nordeuropäischen Ländern

Heimat zeigt sich manchmal in nur einem Wort. Genauer gesagt in Frühlingsgefühlen. Kennt jeder, dachte ich. Aber fragende, spanische Gesichter lassen die Gewissheit schwinden. Und die Fehlermeldung in der Übersetzungsapp macht es offensichtlich: In anderen Teilen dieser Welt scheinen Menschen weniger duselig-verliebt zu sein, wenn die ersten Sonnenstrahlen auf den Pelz scheinen und dieser gegen die Übergangsjacke ausgetauscht werden kann.

 

Je näher der Äquator rückt, umso konstanter die Jahreszeiten. Weniger Tag und Nacht, weniger Sommer und Winter. Frühlingsgefühle dagegen sind, laut Psychologen, ein Kontrasteffekt. Für den Otto Normalspanier ist dieses Gefühl des spontanen Verliebtseins in den Frühling und andere Menschen also mehr als kurios. Der treue Amor in Botticellis Meisterwerk La Primavera scheint uns dagegen jedes Jahr erneut zu treffen - und zwar ganz allein mit Vogelgezwitscher.

 

Hormonspezialisten erklären den Zustand mit der abnehmenden Produktion von Melatonin im Blut, sobald die Tage länger und die Sonne stärker wird. Das Schlafhormon wird in der Dunkelheit ausgeschüttet und macht uns müde. Je mehr Licht wir über die Augen aufnehmen, desto weniger Melatonin produzieren wir und gleichzeitig steigt das Level an Serotonin, Dopamin und Noradrenalin. Die Glückshormone nehmen Fahrt auf.

 

Spätestens aber seitdem wir an das Stromnetz angeschlossen sind, sitzen wir auch im Winter nicht mehr wirklich im Dunkeln und unsere Hormone reagieren auf den Jahreszeitenwechsel weniger intensiv als noch vor über 80 Jahren. Und wer sich auch im Winter nicht unter der Bettdecke verkriecht, wird die Frühjahrssonne noch viel weniger intensiv wahrnehmen. Ein guter Grund also, den Winterschlaf einzuführen.

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