Ein Papi zum Mieten, bitte.

 

13 Jahre, Pubertät und ein tiefer Wunschtraum: neue Eltern. Zumindest den nervigen Bruder gegen eine kleine Schwester eintauschen, wie großartig wäre das. Kurz flackert ein schlechtes Gewissen auf. Ach doch nicht. Aber die Vorstellung ist auch nur deshalb so schön, weil sie nicht Wirklichkeit werden kann. Oder etwa doch?

 

In Japan floriert nämlich eine absurde Branche. Agenturen bieten Kunden an, sich für einen Tag oder im regelmäßigen Abo ein Familienmitglied anzumieten. Family Romance heißt eine dieser Agenturen, in der es Quality-Time zu kaufen gibt. Selbstgebaute Familienromantik ganz nach ganz individuellem Gusto. Dafür schlüpfen Schauspieler in die Rollen, die sich die Kunden wünschen. Zum Beispiel in die Ersatz-Ehefrau. Sie passt Bewegungen, Mimik, ihre Stimmlage entsprechend an und serviert das Abendessen im Stil ihrer verstorbenen Vorgängerin. Oder in das weniger dicke Mama-Double. Sie besucht Schulevents, um die Kleinen vor gemeinen Sprüchen zu bewahren.

 

Yūichi Ishii, der Betreiber von Family Romance, erzählt im Gespräch mit "The New Yorker" von seinem Geschäft. Und in dem gibt es klare Regeln. Mehr als Händchenhalten ist nicht drin, weibliche Schauspielerinnen treffen ihre Kunden außerdem nicht alleine Zuhause. Oft entwickeln sich aber trotzdem hausgemachte Probleme. Nämlich dann, wenn die Kunden und vor allem Kundinnen sich in die Figuren verlieben, die sie selbst erfunden haben. 30 bis 40 Prozent der Frauen machen ihren gespielten Ehemännern sogar einen Heiratsantrag, sagt Ishii. Meist werden dann die Treffen reduziert oder komplett abgebrochen. Wohl auch mit vielen (echten) Tränen.

 

Abseits der proklamierten Cottage-Idylle einer Pilcher-Verfilmung sollte Familie doch auch im wahren Leben für authentische Gefühle stehen. Ganz individuell und im Idealfall austauschsicher. Längst vergessen, dass auch wir erst seit der Industrialisierung dieses Familienkonzept leben. In Japans Geschichte ist die heutige Idee von Familie sogar noch jünger. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden aus den patriarchalischen Großfamilien Mutter-Vater-Kind-Beziehungen. Immer noch werden Ehen teils arrangiert.

 

Was Japan aber noch mehr von unserer westlichen Welt unterscheidet, ist der große Wunsch nach Harmonie und Konformität. Dafür wird in sämtlichen Lebensbereichen die einstudierte Etikette befolgt. Konformes Verhalten sichert den beruflichen Aufstieg und die Gruppenzugehörigkeit. Individualität ist – anders als bei uns – nicht wichtig. Und erst Recht nicht angesehen. Da gehört die Familie, sei sie auch nur Fake, zum perfekt arrangierten Knigge-Leben. Außen: hui. Innen: fraglich.

 

Dass das Mietgeschäft in Japan so floriert, ist auch Social Media zu verdanken. Gemietete Freunde werden immer gefragter, um Selfies zu posten, die ein perfektes Bild der eigenen Beliebtheit vermitteln. Authentizität weicht hier in völlig neuem Ausmaß der typischen Netzinszenierung.

 

Ishii, der selbst schon unzählige Rollen als Ehemann, Liebhaber und Vater innehatte, ist übrigens Single. Er habe Angst. Davor, eine gespielte Rolle verkörpern zu wollen, sollte er selbst jemals Kinder haben.

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