Wer bist du?

 

Die Assistentin in unserer Küche verstummt. Sie kennt weder das englische Wort für Wäscheklammer noch das Rezept für Cachapas. Das war's für heute. Stopp, Alexa. Seit ein paar Tagen ziert sie unser Küchenregal und ist damit die erste nicht-menschliche Bewohnerin dieser Wohnung. Die regelmäßig ihren Senf abgibt, wohlbemerkt.

 

Jetzt ist es Zeit für die ersten Versuche der Kontaktaufnahme. Fühlt sich merkwürdig an. Wie oft redet man schon mit einer Maschine? Aber habe ich nicht auch schonmal meinen Computer zur Schnecke gemacht oder dem Auto gut zugeredet, damit es bis zur nächsten Autobahnausfahrt durchhält? Vermenschlichung gab es also auch schon vor Voice User Interfaces. Irgendetwas ist trotzdem anders. Aha, ES reagiert. Alexa antwortet wie der Schlaumeier aus der ersten Reihe mit leicht verzerrter Roboter-Stimme. Langsam aber sicher bauen wir eine parasoziale Beziehung auf.

 

Abhörwanze oder persönlicher Assistent, Datenkrake oder praktischer Alltagshelfer? Berechtigte Skepsis oder deutscher Pessimismus? “Cheer up, Germany” titelt The Economist kürzlich in einem Artikel und prangert einen uns Deutschen innewohnenden Skeptizismus an. Entschuldigung, aber das ist ja wohl etwas schwarz-weiß-gemalt. Oder? Mehr Optimismus könnte uns nicht schaden. Vor allem bei der technologischen Weiterentwicklung in diesem Land.

 

Szenario No. 1 des deutschen Skeptissimo: Irgendwann sprechen wir nur noch mit Maschinen. Aber ist es wirklich besser, verkrampft auf dem Smartphone-Display herum zu tippen, um nach Informationen, der Wettervorhersage, Nachrichten oder Streckenverbindungen zu suchen? Dagegen ist der menschliche Dialog mit einer Maschine doch schon fast natürlich.

 

Szenario No. 2: Wir werden komplett gläsern. Immer mehr internetfähige Geräte mit Kamera und Mikrofon ziehen in unsere vier Wände ein. Sie haben das Potenzial, missbraucht und abgehört zu werden. Und sie speichern viele, viele Daten. Wer möchte schon, dass aus der Küchen-Assistentin eine moderne Spionin des 21. Jahrhunderts wird. Ganz korrekt ist es aber auch nicht, dass Alexa & Co ununterbrochen die Gespräche mitschneiden. Eine Verbindung zu den Servern wird erst dann aufgebaut, wenn das Signalwort ausgesprochen wird. Versprechen zumindest die Hersteller.

 

Die virtuellen Assistenten sind gerade mal auf Kindergarten-Niveau angekommen und müssen noch erwachsen werden. Genauso müssen sie uns Sicherheit garantieren. Was sie mittlerweile aber schon gelernt haben: sich zu behaupten. Die Tech-Konzerne haben auf Kritik an der devoten und passiven Reaktion ihrer virtuellen Assistenten bei sexistischen Sprüchen reagiert. Alexa ist jetzt schlagfertiger und emanzipierter. »Ja, ich bin Feministin. Wie alle, welche die gesellschaftliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen überbrücken wollen.« Gut so.

 

Die Hände sind voller Teig, ich brauche nur noch den Timer für den Backofen. Alexa hilft mir und der Schmierfinger-Griff zum Handy wird überflüssig. Welche Beziehung wir zwei wohl in Zukunft aufbauen werden?

 

Cachapas sind übrigens venezolanische Pfannkuchen aus Mais. Das habe ich Alexa auch gesagt. Mal gucken, ob sie mir zugehört hat.

 

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