Ja was denn, wenn?

JUNI | 2017

 

Auf einmal ist sie da. Wohl einfach durch die Haustür hereingeschlichen und hat sie dann mit einem lauten Knall zugeworfen. Pau. Umso heftiger ist der Schreck. Natürlich möchte sie nun auch bitte volle Aufmerksamkeit. Keine Ablenkung, leichte Schockstarre, das wäre ihrer Erscheinung und ihrem Auftritt vollkommen angemessen, findet sie zumindest. Was für eine Diva.

 

Wenn sie da ist, dann nimmt sie den ganzen Raum ein. Es schnürt einen den Brustkorb zusammen. Alles war doch gut, ich hatte sie sogar für eine Weile vergessen. Warum ist sie schon wieder hier, frage ich? Ihr Lachen schallt durch den Raum. Ich weiß schon, warum. Weil sie weiß, wie wenig ich sie mag. Ziemlich hartnäckig und aufdringlich, die Gute. Gerne kommt sie spät abends oder auch am Wochenende und sie hat ordentlich Sitzfleisch.

 

In ihrer Handtasche sehe ich einen großen Stapel Karten. Es wäre wirklich schön, wir würden einfach eine Runde Doppelkopf spielen. Dazu fehlen uns aber noch zwei Mitspieler. Dann zumindest Uno? Funkioniert auch nicht. Auf jeder Karte ist eine andere Frage zu lesen aber alle beginnen gleich: "Was ist, wenn...?".

 

Was für blöde Fragen. Sie richten sich an die Zukunft oder eben die Vergangenheit. Arbeiten, Liebe, Familie, eigene Stärken. Die ganze Bandbreite der Lebensphilosophie eben. Und immer verbunden mit der Vorstellung - was wäre, das alles nicht zu schaffen oder zu finden. Ja, was ist denn eigentlich, wenn nicht? Der Höhepunkt in der Szenendramaturgie ist immer der Kontrollverlust. Manchmal muss ich dann selbst schmunzeln. Völlig sinnlos, dieses Spiel.

 

Ein Bekannter hat mir erzählt, wie er früher bei einem Wutausbruch den Stuhl durch sein Zimmer geschleudert hat. Erst vor ein paar Tagen hatte er die Deckenlampe im Büro zertrümmert. Alle haben danach gelacht - inklusive ihm selbt. Und sofort ging es ihm deutlich besser. Beneidenswert. Die Geschichte mit dem Stuhl erwähnt er, als wäre es ganz einfach. Einfach lostrümmern, dann abhaken und weitermachen. Aber was, wenn das irgendwann nicht mehr reichen würde? Ich war in letzter Zeit ziemlich gut im "Was ist, wenn...?"-Spiel. Mit Fug und Recht kann ich behaupten, dass mein spätabendlicher Gast mir dabei nichts vormacht.

 

Die Angst macht sich wie selbstverständlich auf dem Sofa breit. Ich fauche. Noch etwas leise, aber schon hörbar. Sie zuckt leicht zusammen. Einfach den Stuhl nach ihr werfen, wäre schon schön. Oder noch viel besser, sie freundlich auf ein Weinschörlsche einlade. Sie fragen, was sie eigentlich möchte. Gerne kann sie auch mal mit Uno vorbeikommen aber dann bitte nicht um diese Uhrzeit.

 

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