Zwei Seiten

28 | OKTOBER 2017

 

Auf, ab, wieder auf und wieder ab. Damit meine ich nicht das Stück Klarsichtfolie, das gerade beständig mit dem Windzug am Fenster hochflattert und dann erneut Opfer der Schwerkraft wird. Vielmehr ist es meine Gefühlslage, die hier in Barcelona oftmals Achterbahn fährt.

 

An den oberen Drehpunkten fühlt sich alles sehr klar und sehr großartig an. Toll, wie du alles machst, sage ich dann zu mir selbst. Du bist stark und unabhängig und du kannst alles im Leben schaffen, wenn du es willst. Dann betrachte ich mich selbst mit Stolz und bewundere meine Entschlossenheit. Diesen Schritt hättest du vor ein paar Jahren noch nicht gewagt. Du bist erwachsener und deutlich stärker geworden. Du merkst doch, wie einfach es für dich sein kann und wie leicht du dich angekommen fühlst. Du hast die Kontrolle. Was soll im Leben schon passieren, was du nicht meistern könntest? Du bist schlau und offen genug, für alles. Du badest nicht (mehr) in Selbstzweifeln. Du weißt, was du kannst und wer du bist. Du denkst deutlich weniger darüber nach, was neue Leute über dich denken könnten. Und du richtest deine Aufmerksamkeit viel mehr auf dein gegenüber als ständig in deiner Selbstbeobachtung zu verharren. Super! Siehst du. Alles andere wirst du auch noch finden. Gib dir die Zeit, die du brauchst.

 

Und dann kommen diese anderen Momente, in denen sich ein Hauch von Panik in den Gefühlsmix mischt. Nachts. Oder morgens. Und damit die Anzahl an Schlafstunden verkürzt, was mich mit dem Blick auf die Uhr direkt rasend macht und das erneute Einschlafen noch unwahrscheinlicher. Was machst du hier eigentlich? Verlierst du dich gerade? Ist es das, was Mama denkt? Was ist dein Weg? Wo willst du hin? Warum lässt du dich von den Meinungen anderer so leicht beeinflussen? Was willst du arbeiten? Wie willst du arbeiten? Wo willst du leben? Wie willst du leben? Wen willst du lieben? Oder vielmehr: wen kannst du lieben? Kannst du überhaupt lieben? Kannst du dich überhaupt für jemanden entscheiden, ohne wieder anzufangen zu zweifeln? Warum zweifelst du überhaupt ständig? Was macht es für dich so schwer, dich zu entscheiden? Warum schwankst du mit all deinen Entscheidungen immer wieder? Und warum kreisen deine Gedanken eigentlich ständig um dich selbst? Ganz schön egoistisch. Dann kommt dieses Gefühl von Einsamkeit, von Furcht. Dann fühle ich mich auf einmal wieder klein, unsicher und denke: Ach, ich weiß doch auch nicht.

 

Tief durchatmen. Ich unterdrücke meinen automatischen Impuls zum Telefon zu greifen und jemanden anzurufen. Du kannst das selbst, sage ich mir dann. Oder ich rolle die Yogamatte aus. Danach sieht die Welt wieder anders aus. Die Achterbahn hat an Kurven verloren.

 

Es ist eine spannende aber auch anstrengende Erfahrung, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ab und zu wünsche ich mich einfach zurück in die Sicherheit. Fast alles hat eben zwei Seiten.

 

 

 

 

 

 

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