09 | ME ENCANTA

Abflug und Ankunft liegen manchmal näher zusammen, als man es sich wünscht. So sitze ich im Flieger und freue mich insgeheim über die kaputte Klimaanlage, die den Start verzögert. Doch selbst mir geht die tropische Raumluft nach einer Stunde Rollfeld auf den Keks. Und damit bin ich wohl die Letzte im Flieger.

 

Holá Barcelona. Mit mir: der vollgestopfte blaue Backpack, die Yogamatte und unser kaputter WG-Koffer, der sich zuverlässig alle paar Meter um seine eigene Achse dreht.

 

Porque tu eres en Barcelona? werde ich die nächste Zeit oft gefragt werden. Nicht einfach zu beantworten. Vor allem nicht mit den herausstolpernden Spanisch-Brocken, die mir beim ersten Café-Besuch das Lachen der Kellnerin bescheren. Zumindest lacht sie wohlwollend. Anders der katalanische Busfahrer: Er heimst sich auf meine Kosten den Beifall der restlichen Fahrgäste ein, als er sich umdreht und Witze macht. Mein ratloser Gesichtsausdruck wird zum bösen Todesblick. Cabrón.

 

Touristen sind - optimistisch ausgedrückt - hier eher unbeliebt. Man könnte auch sagen, verhasst. Und das sind sie nicht ganz ohne Grund.

Typ 1°. Der Fototourist. Zu erkennen an den abrupten Stops für ein Foto vor wenig atemberaubender Kulisse. Typ 2°. Mittags schon laut grölende Männergruppe - sind das wirklich Männer? - mit sonnenverbrandten, frei präsentierten Oberkörpern und Bierdose in der Hand. Typ 3°. Geldbeutel auf der Karohemd-Brust baumelnder Trendsetter mit Wanderhose und Stadtplan in der Hand. Die Sonnencreme 50+ ist noch nicht ganz eingezogen, sein Wanderrucksack macht es unmöglich, sich an ihm schnell vorbeizuschlängeln.

 

Fairerweise sollte ich mir die Frage stellen, was mich von einem Touristen wirklich unterscheidet. Wohl nur der Wunsch, es nicht zu sein.

 

Vacaciones? No. Estudiante? No. Ich gebe mich als Journalistin aus. Manchmal kommt der Wunsch ja vor der Realität. Who knows.

 

Nicht  das erste Mal raus von Zuhause, rein in ein neues Land. Spanien ist nicht Tadschikistan und das ist hier auch nicht die nubische Wüste. Mit so wenig Plan bin ich trotzdem noch nie gereist. Unterkunft, Spanischkurs, Arbeit, neue Leute, Freunde? No se. "Was ist, wenn?" habe ich zuhause gelassen. Der Rucksack war schon voll.

 

Eine aufregende Zeit beginnt.


BACK TO TOP