Proscuitto und Loafers.

23 | JUNI 2017

 

Vor kurzem stand ich im italienischen Supermarkt. Mitten in Hamburg, versteht sich. Unzählige Reihen vollgepackt mit italienischem Fernweh. Multi bene.

 

Da warte ich nun geduldig und betont locker an der Fleischtheke, um mein Unverständnis über den unentspannten Herrn vor mir zu signalisieren. Kommt mir sogar ganz gelegen, denn jetzt kann ich einfach die Szene beobachten.

 

Der Kunde an der Theke gehört zum Typ "Unsympathisch". Zurückgegeltes, schwarzes Haar, unruhig mit seinen Loafers auf und ab wippend, schon von weitem als Bilderbuch-Manager zu erkennen. Und was er gerne möchte - nein fordert - ist Prosciutto am Stück. Aber pronto, bitte.

 

Der Verkäufer hinter der Theke: Italiano. Ebenfalls schwarzes Haar, fast komplett verdeckt von der schief sitzenden Mütze, Schinkenmesser in der Hand. Mit leicht verträumtem Blick wartet er die Anweisungen seines Kunden ab und lässt sich dabei nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht, als der von ihm verlangt, eine noch dünnere Probier-Scheibe abzuschneiden.

 

Jetzt steigt in mir also eine Mischung aus Fremdscham und Ärger über diese Arroganz auf. Den Fleischverkäufer beneide ich gleichzeitig für seine Gelassenheit.

 

In letzter Zeit habe ich einiges über Perspektivwechsel gelesen. Ist jetzt also eine ideale Übung. Ich versuche, mich in den Manager hineinzuversetzen und zu überprüfen, warum ich gedanklich so reagiere. Sagt ja auch viel über mich aus, wie ich den Herrn da direkt abstempel. Karriere, dickes Auto, schönes Haus, noch schönerer Garten, Zeitdruck, wenig Freizeit und noch weniger Freiheit. Sieht außerdem nicht so als, als würde er oft herzlich lachen, denke ich beim Observieren. Oder wirklich mal genießen. Da kann der Prociutto noch so dünn geschnitten sein. Seine Grantigkeit wird dadurch nicht besser. Aber zumindest mein Gefühl von Ärger lässt nach.

 

Die Perspektiven zu wechseln, hilft manchmal genauso wie einmal tief durchzuatmen. Denn wir interpretieren das Verhalten anderer nach unseren ganz persönlich aufgebauten Denkmustern. Können wir aber durchaus überprüfen, sobald wir sie uns mal bewusst machen. Wenn ich also ahne, warum der andere handelt wie er handelt und warum ich denke, wie ich denke - lassen sich Situationen nochmal neu bewerten. Und dann auch anders darauf reagieren. Das funktioniert im Job genauso wie in einer Beziehung. Oder bei den eigenen Eltern. Bei Freunden genauso wie beim Nachbarn. Oder, oder, oder.

 

Que bello, der Fleischverkäufer. Freundlich strahlend und zufrieden verrichtet er seine Arbeit. Unabhängig davon, wen er bedienen muss. Davon hätte sich der Manager mal ein Stück abschneiden lassen können. Und zwar nicht nur eine hauchdünne Scheibe.

 

 

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