Namaste.

22 | JUNI 2017

 

Heute morgen sagt Adrienne wie selbstverständlich: "Prioritize your inner over your outer body". Mehr nach innen statt nach außen hören. Easy, oder? Adrienne ist Yoga-Lehrerin von 2,5 Millionen Youtube-Abonnenten. Inklusive mir.

 

Die Yogamatten-über-der-Schulter-hängenden-Legginsträgerinnen gehören in Altona mittlerweile zum Straßenbild wie die leere Holstenflasche vor unserer Haustür. Yoga ist in unserer modernen Stressgesellschaft angekommen. Denn es heißt, du wirst beweglicher und innerlich ruhiger. Vor zehn Jahren hätte ich wohl noch die Augen gerollt und gesagt: Geh mir weg mit diesem esoterischen Quatsch. Vor einiger Zeit dachte ich mir stattdessen: Ist ein Versuch wert.

 

Meine erste Stunde. Ich sitze im Schneidersitz auf der Yogamatte und höre die Lehrerin sagen: "Wir beginnen mit drei gemeinsamen OM." Leicht rolle ich die geschlossenen Augen und mahne mich selbst. Klischees aus, OM an. Ich mache mit. Das war vor über zwei Jahren und seitdem sind etliche Yogastunden vergangen. Außerdem ein Lachanfall bei einer Familienfeier, bei der meine Cousine und ich unserer fassunglosen Tante das Nostril-Breathing - einatmen durch das eine Nasenloch, ausatmen durch das andere - gezeigt haben.

 

Ich ertappe mich also selbst in der Erfüllung der Klischees. Aber die Krux an der Geschichte: Es gibt zu viele Schubladen, um nicht mindestens in eine hineinzupassen. Und die Welt ist zu komplex, um nicht zu reduzieren. Einverstanden. Bin ich eben all das. Gestresster Berufsanfänger. Sinn des Lebens und sich selbst suchender Großstadthipster. Stempel drauf, Schublade auf und zack, wieder zu. Fühlt sich ja trotzdem gut an. Das Üben meine ich.

 

Yoga ist kein Hochleistungssport, kein Wettbewerb und kein zur Schau stellen, sondern eher eine Form der Achtsamkeit. Der einzige Beobachter bist nämlich du selbst. Sehen wohl viele Instagram-Püppis anders als sich. Das unterscheidet aber für mich diejenigen, die sich auf die Lehre einlassen von denjenigen, die Yoga zum neuen Pilates machen. Verrät der ganze Hype also die Lehre? Die Frage stellt sich nicht, wenn man Yoga als sein persönliches Instrument annimmt.

 

Heute übe ich Yoga täglich. Und während ich am Anfang alles genau nachgemacht habe - meine Füße beim herabschauenden Hund noch ein Stück weiter nach unten gedrückt, meinen Körper bei den Vorbeugen überlistet - gehe ich jetzt viel bewusster in die Übungen. Vorbeugen sind übrigens meine absolute Lieblingsposition. Nicht.

 

Mit dem Yoga sind auch andere Themen für mich mehr ins Bewusstsein gerückt. Ernährung, Umwelt, Beziehungen, Konsum. Denn mit dem herabschauenden Hund endet die Yogaübung nicht. Er bellt dich nur an, damit du mit ihm rausgehst und spielst.

 

Das Foto ist übrigens nicht von mir. Haha. Macht ja nichts. Der Weg ist das Ziel. Für jeden ein anderer - aber immer der Weg. Namaste!

 

 

 

BACK TO TOP