Richtig gendern: Wie ihr gut lesbare Texte schreibt

Updated: Dec 10, 2020




Genderneutrale Texte sind ein Statement. Vor allem aber eine bewusste Entscheidung, Vielfalt und Offenheit in der Gesellschaft zu betonen. "Na klar, machen wir längst!", rufen da lässig die Hipster auf der Hamburger Schanze. In Westfalen dagegen führt alleine der Begriff "Gendern" zu einem verzweifelten Griff zum Schnapspinnchen und dem empörten Ausruf: „Haben wir denn keine anderen Probleme?“ Doch natürlich, haben wir. Warum inklusives Schreiben dennoch wichtig ist, mit welchen Tricks ihr den Sprung in den genderkonformen Textfluss spielerisch schafft – und welches Tool euch dabei hilft.


Unsere Sprache beschreibt unsere eigene Wirklichkeit. Aber stimmt sie auch? Diese Frage bleibt den Philosophen unter uns überlassen – nur so viel: Menschen sind keine neutral programmierten Roboter, wir deuten aus Wörtern und Sätzen und schließen aus dem Zusammenhang. Studien zeigen, dass sich mehr Mädchen vorstellen können, einen "typischen" Männerberuf zu ergreifen, wenn sie zuvor männliche und weibliche Berufsbezeichnungen, wie "Ingenieur" und "Ingenieurin", gehört oder gelesen haben. Der Effekt gilt übrigens auch für Jungen und Berufe wie den Krankenpfleger. Kamala Harris' Wahl zur Vizepräsidentin der USA entzieht sich noch wissenschaftlichen Untersuchungen, hat aber dennoch zu Empowerment-Begeisterungsstürmen unter (schwarzen) Frauen geführt.


Spätestens seit der Einführung des dritten Geschlechts "divers“ in Deutschland Ende 2018 öffnen sich auch moderne Unternehmen und Start-ups immer mehr der Frage nach einer geschlechtergerechten Unternehmenssprache. Die Vielfalt der Formen und Meinungen erzeugen allerdings schnell den Eindruck, man könne sich auch direkt auf ein Minenfeld begeben. Dabei gibt es noch kein "Schema G". Um gendergerecht zu schreiben, können wir anfangen, kreativ mit Worten zu spielen und bei Bedarf genderbewusste Akzente zu setzen. Ein paar Vorschläge für den Start:


Der Klassiker: Die männliche und weibliche Dopplung

Die Dopplung "Kollege und Kollegin" ist höflich und funktioniert in allen grammatischen Fällen. So wird zum Beispiel unmissverständlich klar, dass eine Position von einem Mann oder einer Frau besetzt sein kann. Wollt ihr diese Möglichkeit betonen, lohnt sich die Dopplung. Und sie ist selbst für diejenigen gut verständlich, die noch nie etwas von Gender-Varianten gehört haben. Passt also gut zu konservativen und älteren Zielgruppen. Allerdings kann sie den Textfluss erheblich stören und hat ihre stilistischen Schattenseiten.


Mit Punkten, Strichen oder Binnen-I gendern

Auch Schrägstrich (Richter/-in) oder Klammer (Fahrer(in), Kolleg(inn)en) werden von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum Teil empfohlen. Achtet aber darauf, dass beim Weglassen des Schrägstrichs oder der Klammer ein grammatisch korrektes und lesbares Wort stehen bleibt.


Punkt (Student.in), Doppelpunkt (Berater:in), Mediopunkt (Mitarbeiter·in) oder Binnen-I (SchülerIn) sind stilitisch und typografisch deutlich schöner. Sie werden von der GfdS aber als kritisch eingestuft, weil sie oft nicht mit Grammatik und Rechtschreibung konform sind. Denn hier enstehen beim Weglassen der Endung schnell grammatische Fehler: Arzt:in oder Ärzt:in? Da klirrt das Ohr. Im Gegensatz zur Dopplung haben diese Schreibweisen aber den Vorteil, einen Text weniger durch Wortwiederholungen aufzubauschen. Der Duden sagt dazu: Wenn die feminine Form nicht durch Anhängen einer Endung gebildet werden kann, einfach alle Formen ausschreiben.


Gendersternchen* und Gender_Gap für mehr Vielfalt

Das Gendersternchen (Mitarbeiter*in) schließt alle Geschlechtsidentitäten (männlich, weiblich, intersexuell, transgender, transsexuell) ein und gehört zum Liebling der diversen Sprache. Die Alternative zum Sternchen ist eine Leerstelle mit dem Gender-Gap (Lehrer_in). Die grammatische Schwierigkeiten sind natürlich die Gleichen wie bei den anderen Schreibweisen.


Die Kuh vom Eis holen: Personenbezeichnungen vermeiden

Wenn es für den Text nebensächlich ist, Frauen und Männer in bestimmten Positionen zu betonen, könnt ihr, statt Nomen zu verwenden, mit Plural, Adjektiven, Verben oder der direkten Anrede arbeiten. Dadurch werden Texte lebendiger und leichter lesbar:

  • Aus Singular wird Plural: Statt "Jeder, der bei uns anfängt…" lieber "Alle, die bei uns anfangen…" oder statt "Fachmann" die "Fachleute"

  • Verb statt Nomen: Aus „Teilnehmer*innen“ wird „alle/diejenigen, die am Kurs teilnehmen“

  • Adjektiv statt Nomen: „Fachlicher Rat“ statt „Rat eines Fachmanns"

  • Direkte Anrede: Statt „Lieber Kunde und liebe Kundin“ besser „Bitte beachten Sie …“.

Geschlechtsneutrale Nomen suchen

Auch Substantivierungen und geschlechtsneutrale Formulierungen sind eine gute Alternative, Dopplungen zu umgehen. "Mitarbeitende" oder "Stimmberechtigte" machen Texte aber ziemlich schnell unpersönlich. Das gilt auch für die abstrakten, sachbezogenen Begriffe wie „Personal“ oder „Studienhandbuch“. Die neutrale Schreibweise funktioniert außerdem nicht immer – beim Begriff "Ärztende" streuben sich der "Ärzteschaft" wahrscheinlich die Nackenhaare.


Mit Rollen spielen

Sobald andere Genderformen an ihre grammatischen Grenzen stoßen, könnt ihr außerdem weibliche und männliche Form als Rollen vergeben: "Der Kunde besucht seine Beraterin und klärt mit ihr die restlichen Fragen." Wichtig ist dabei, die Rollen nicht beliebig zu tauschen, sonst herrscht schnell Verwirrung. Der Vorteil der Rollen-Methode: einfach anzuwenden, leicht verständlich und frei von grammatischen Ungereimtheiten.


Texte durchschütteln

Die vielen gendergerechten Schreibweisen entfalten ihren Charme vor allem dann, wenn sie klug kombiniert werden. Verschont eure Leserschaft also mit dem inflationären Gebrauch, sondern variiert die verschiedenen Möglichkeiten oder stellt den Satzbau und die Struktur eines Textes um. Das kann einen Text länger machen – aber auch besser. Und für geschickte Gender-Inspirationen gibt es übrigens ein hilfreiches Genderwörterbuch, in dem ihr nach guten Alternativen für Wörter suchen könnt.


Mit dem kreative Schreiben schulen wir unser Gehirn. Und das trägt wiederum dazu bei, gesellschaftliche Benachteiligungen besser zu erkennen und zu verlinnerlichen – auch abseits vom Geschriebenen.


Post für euch!

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